Über mich


Ich wurde am 17. Februar 1939 in Hamburg geboren.
Am gleichen Tage setzte das Reichsarbeitsministerium in Berlin die neue Reichsgaragenord-nung in Kraft.
Einige Monate später erblickte Batman in den USA das Licht der Welt.
Und wenig danach fielen deutsche Truppen in Polen ein. Der 2. Weltkrieg begann, er dauerte bekanntlich 6 Jahre.
Da mein Vater bei den Zeisswerken tätig war, wohnten wir in Jena. Das Kriegsende erlebte ich dort in einem Luftschutzkeller. Der Kellerraum war mir und den Mitbewohnern in den letzten Kriegsjahren mehr und mehr vertraut geworden, da es ständig Luftalarm gab.
Ich saß mit der Nachbarstochter auf dem Etagenbett, als die Gemüsefrau von gegenüber herunterkam und alle aufklärte, dass die Kampfhandlungen in Jena beendet wären und die Amerikaner sich anschickten, einzumarschieren. Ich war verwirrt, die Nachbarstochter auch. Vorsichtshalber hatten uns die Erwachsenen in dem Glauben gelassen, der deutsche Endsieg stünde unmittelbar bevor.

Als die Amerikaner kamen, schaute ich vom Schlafzimmerfenster hinunter. Zum ersten Mal sah ich echte Mohren, schwarze Männer in Uniform, die Militärfahrzeuge steuerten. Es war mein erster Eindruck von der weiten Welt.
Als die Amerikaner sich zurückzogen und Jena von den Russen besetzt wurde, organisierte mein Vater trickreich von Hamburg aus unsere Übersiedlung in die britische Besatzungszone. Er war nach seiner Kriegsgefangenschaft vorsorglich nicht nach Jena zurückgekommen son-dern in die Hansestadt ausgewichen.
Dort lebten wir zur Untermiete bei Freunden meiner Eltern. Mit meinem jüngeren Bruder war die Familie zu viert. Die befreundete Familie zählte fünf Personen, und wir alle lebten in der sogenannten "schlechten Zeit" erstaunlich harmonisch und nicht selten ausgesprochen fröhlich zusammen.

Die Lebensmittelkarten verschwanden, die D-Mark kam, eine große Kugel Eis kostete 15 Pfennig, und mit dem Pfennig wurde gerechnet, aber richtig arm kamen wir uns nicht vor. Es gab nur eine Küche, ein Bad und ein Klo, und noch nach Jahren waren sich die Beteiligten einig, irgendwie und trotz allem keine unangenehme Zeit miteinander verbracht zu haben.
In den frühen 50er Jahren hatte mein Vater eine Firma gefunden, für die er nach Venezuela umsiedeln konnte. Er erfüllte sich und seiner Familie damit einen Traum. Wir wanderten aus.


Die neue Heimat präsentierte sich als eine faszinierende Welt. In Caracas gab es keine Kriegserinnerungen und keine Ruinen auch keinen Deutschenhass.
Die Menschen hatten einen kaffeebraunen Teint, "Milchkaffee", wie sie dort sagten, viele waren auch pechschwarz, andere fast weiß. Wir Deutschen waren "Milch". Die Ethnien nei-deten sich ihre Hautfarbe nicht, und ich fand mit meinen 12 Jahren die einheimischen Mäd-chen viel hübscher als die weißen Europäerinnen.
Das neue Leben unterschied sich in vielem vom alten Dasein in Nachkriegsdeutschland. Un-übersehbar war auch nordamerikanischer Way of Life im Spiel. Riesige Straßenkreuzer be-fuhren die breiten Avenidas, Milch kaufte man in Tüten, die Jugendlichen trugen Khaki oder nietenbeschlagene blaue Cowboyhosen. Morgens trank man zum Frühstück außer Kaffee auch Fruchtsaft, und die Damen verzehrten halbe Grapefruits für die Verdauung. Es gab kaum normale Lebensmittelläden, weil die Hausfrauen in den Supermercados mit kleinen Wägelchen durch die Gänge schoben und sich ihre Ware selbstständig aus den Regalen nahmen. Alles war anders als in Hamburg, es war eine andere Welt.
In Caracas zogen wir zunächst in eine Casa, ein Haus im alten Kolonialstil, mit offenem Patio, einer größeren Sala und etlichen, winzigen Dormitorios, den Schlafzimmern. Die Küche hatte nur drei Wände, sie war zu einer Seite offen. Es gab einen Kerosinherd, der meine Mutter häufig zur Verzweifelung brachte, und wenn man von der Sala bei Regen in die Küche ging, hatte man sich zu sputen, weil man sonst nass wurde. Gekocht wurde am Anfang deutsch.

Dann musste meine Mutter sich auf einheimische Zutaten umstellen, die Küche wurde deutsch-venezolanisch, und meine Mutter setzte alles daran, ihre Spanischkenntnisse so zu erweitern. Sie wollte schließlich ohne Hilfe meines spanisch sprechenden Vaters klarkommen. Und sie kam klar, auch wenn ihr Spanisch hier und da zu wünschen übrig ließ. Ihre originellen Gerichte blieben rundherum heiß begehrt.
Mein Bruder und ich wurden ohne Rücksicht auf fehlende Sprachkenntnisse in eine venezola-nische Schule geschickt. Das war für uns nicht immer leicht, denn man konnte sich nicht be-liebig gegenüber Mitschülern behaupten und steckte so manches an Spott und Niederlagen ein. Aber ich lernte, mit Situationen umzugehen, und noch heute weiß ich, dass diese Erfah-rungen mein Wesen stark im positiven Sinne geprägt haben.
Dankbar bin ich noch immer, dass man Einwanderern staatlich bestallte Sprachförderer und Integrationsbeauftragte ersparte. Besser gesagt, so etwas kannten die Leute überhaupt nicht. Einwanderern wurde schnell und deutlich klar gemacht, dass sie für ihre Sprachkenntnisse und ihre soziale Integration gefälligst selber zu sorgen hätten. Das taten die dann auch, und das eine wie das andere funktionierte.
Für kurze Zeit besuchte ich noch eine Privatschule des lutherischen Weltbundes, dann waren meine Schulkenntnisse ausreichend für ein Liceo, also für eine Oberschule. Da machte ich auch mein Abitur.
Meine Eltern schickten mich zum Studium nach Deutschland, nachdem ich bereits besser spanisch sprach als deutsch. Längst hatten sie die koloniale Casa mit einer eleganten Wohnung getauscht, und meine Mutter kochte ihre berühmten Gerichte auf einem modernen amerikanischen Gasherd. Ich ließ in der Hauptstadt viele Freunde zurück, an die ich noch immer mit Wehmut denke.


Helmut Ackermann, Sohn schwäbischer Eltern und mein bester Kumpel, entwickelte sich vom Firmenboten zum Chef eines Fotolabors und kaufte sich irgendwann eine 400 Hektar große Rinderfarm südlich des Orinoko. Die Farm ist noch heute ein Geheimtipp für Venezuela-Abenteurer.
Abilio und Jorge Pérez hatte ich jahrelang aus den Augen verloren und dann war Dank Facebook plötzlich ein Lebenszeichen da. Jetzt - im Großvateralter - tauschen wir wieder Erinnerungen an längst vergessengeglaubte Erlebnisse aus.

Der Busenfreund und ewige Träumer Heinz Lauterbach wurde Musiklehrer und Barpianist. Sein Bruder Peter betreibt in Mérida, im Andenstaat Táchira, ein angesehenes Gourmet-Restaurant. José Antonio Abreu, mein Sitznachbar in der Schule, wurde zum berühmtsten venezolanischen Komponisten unserer Zeit, unter anderem auch Schirmherr des Bonner Beethovenfestes 2010.
Aber als ich 19jährig in Hamburg ankam, war von all dem noch nichts zu ahnen. Ich wollte Wirtschaftsjournalist werden und begann ein Studium. Das brach ich allerdings auf Wunsch meines Vaters wieder ab, weil dieser sich mich in seiner venezolanischen Importfirma haben wollte.
Zweieinhalb Jahre verbrachte ich dann in den Kontoren einer angesehenen Hamburger Ex-portfirma, dann wusste ich beileibe noch nicht alles über Im- und Export, aber eines wusste ich genau: Kaufmann wollte ich nicht werden. Noch heute vermeine ich den Bohnerwachsgeruch der Büros in der Nase zu haben.

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Zwei Umstände halfen mir weiter: Mein Bruder, der inzwischen herangewachsen war und Lust zum Kaufmannsberuf hatte und mein Freund Harald Jensen, der auf verschlungenen Wegen beim Fernsehen in Hamburg Lokstedt gelandet war. Harald vermittelte ein Gespräch mit einem Redakteur, und der riet mir angesichts meiner kaufmännischen Ausbildung Film- und Fernseh-Aufnahmeleiter zu werden. Ich wusste nicht so recht, was das eigentlich ist, aber ich bewarb mich. Und ich wurde zur Ausbildung angenommen.


Aufnahmeleiter üben keine künstlerische Aufgabe aus. Sie organisieren und überwachen den Ablauf von Film- und TV-Produktionen am Aufnahmeort. Zum Beginn der Ausbildung er-klärte uns der damalige Produktionschef des NDR: "Sie sind zum Lernen da und nicht, um Regisseuren und Darstellern Kaffee zu holen oder Zigaretten."
In meinem ganzen Leben habe ich nie mehr für so viele Leute Kaffee und Zigaretten geholt wie in dieser ersten Zeit meiner Ausbildung. Aber ich habe mich auf Anhieb in einem Beruf wohl gefühlt. Die Arbeit beim Fernsehen hatte damals einen großen Prestigewert. Mehr noch als Pilot, Stewardess, Fußballstar oder Chefarzt. Meine Klienten hießen unter anderem John Olden, Harald Vock, Wolfgang Staudte, Inge Meysel oder Caterina Valente. Damit konnte ich in Gesprächen brillieren. (Das mit dem Kaffeebesorgen ließ ich meistens weg).
Und es blieb nicht beim Zigaretten holen. Zum Ende der Ausbildung sollte ich noch 3 Monate bei Radio Bremen hospitieren. Dieser kleinste ARD-Sender war gerade dabei, seine Fern-sehsparte auszubauen und suchte qualifiziertes Personal. Ich blieb dabei und habe es nie bereut.



Als Aufnahmeleiter arbeitete ich für den ersten Fernsehfilm mit Johannes Schaaf, der in Bremen debütierte. Ich machte den allerersten Beat-Club mit Michael Leckebusch und die erste Rudi Carrell Show des Deutschen Fernsehens. Ich arbeitete mit Showgrößen wie Heinz Erhardt, Harald Schmidt, Vicco von Bülow und Hape Kerkeling. Anfangs als Aufnahmeleiter, später als sogenannter Erster Produktionsleiter. Ich produzierte für meinen Sender Dokumentationen mit namhaften Autoren, und Fernsehspiele von denen zahlreiche öffentliche Preise einheimsten.
Zehn Jahre lang war ich Produktionsleiter für die Sendung "III nach Neun" mit Marianne Koch, Wolfgang Menge und Karl Heinz Wocker, eine Talkshow, die zu ihrer Zeit Kultstatus hatte. Und voller Trauer erinnere ich mich an den längst verstorbenen Regisseur Karl Frucht-mann, mit dem ich unzählige Gespräche geführt habe.
Geblieben ist mir seine Bemerkung "Du bist der einzige Reaktionär, mit dem ich überhaupt diskutiere". Wer Fruchtmann gekannt hat, weiß, dass das ein Mordskompliment war.


Viele Menschen halten den Beruf des Produktionsleiters für enorm belastend. Das ist er auch, aber wenn man das Handwerk beherrscht und seelisch stabil ist, gibt es kaum eine befriedigendere Tätigkeit. Das muss man allerdings mit sich selbst abmachen. Eine großartige Produktion ist immer das Verdienst der anderen, ein erfolgloses Werk hingegen bleibt das Ergebnis kunstverachtender Sparwut des Produktionsleiters. Damit kann man leben, wenn man die richtige Einstellung hat.
Die kommt freilich nicht von allein.
Ich bin seit nunmehr 45 Jahren mit meiner großen Liebe verheiratet, das ist das Geheimnis. Außerdem habe ich mich freiberuflich als Filmautor, Artikelschreiber und Werbetexter be-schäftigt und zwei Bücher geschrieben. Mit vielen namhaften Autoren arbeitete ich ja auf Tuchfühlung zusammen und konnte mir so einiges abgucken.
Da mein Arbeitgeber mich nicht als Redakteur angestellt hatte, benötigte ich keine kompli-zierten Ausnahmegenehmigungen. Die bekam ich allerdings als Referent für eine große Zahl von Weiterbildungsseminaren für Produktions- und Aufnahmeleiter in ganz Deutschland. Ei-nes führte mich bis nach Sri Lanka.

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Den Nebenbeschäftigungen bin ich noch eine Weile treu geblieben, als ich mich 1999 pensio-nieren ließ. Für einen freien Filmproduzenten arbeitete ich auch noch fast ein Jahr lang in Mexiko als Berater.
Und noch immer widme ich mich meinen "Zerstreuungshobbies" wie Schreiben, Chorsingen, Handpuppenspiel und dem Ritterspiel der Schlaraffen. Beim Bremer Senior Service berate ich, wie seit langem, Existenzgründer auf dem Mediengebiet. Das ist eindeutig befriedigender als das Herumsitzen im Lehnstuhl.
Kopfschütteln verursacht mir allerdings noch immer das von Politikern angezettelte und kul-turell wie wirtschaftlich törichte Eindampfen des Rundfunk- und Fernsehsenders Radio Bre-men. Vielleicht wird man mit zunehmendem Alter etwas sentimental. Aber trotz Hamburg, Jena, Caracas und Mexiko, trotz vieler Reisen in die ganze Welt, war mir das alte Radio Bre-men - wie so vielen - ans Herz gewachsen. Allerdings weiß ich, dass der Abschied von diesem Sender, der unglaublich viele Freunde und Bewunderer hatte, der vielen prominenten Medienschaffenden Sprungbrett, aber auch Heimat war, bis heute schmerzlich nachklingt.

 

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